Rabensteiner Burggeschichten
Klein aber fein
Dort, wo in Chemnitz-Rabenstein,
der Wald sich zieht, bis in die Stadt hinein,
die Landschaft hügelig und grün,
ein Bächlein plätschert neben der Straße hin,
wo Stausee, Wildgatter und Viadukt,
Touristen anlocken und jeder´s Handy zückt,
zu machen ein paar schöne Fotos,
so als Wochenend-Erinnerung,
dort thront schon lang ein kleines Bauwerk,
hübsch eingefügt in die Umgebung:
Es steht in Chemnitz-Rabenstein
die kleinste Burg von Sachsen.
Sie ist so niedlich und so fein,
sie wird auch nicht mehr wachsen.
Die Rittersleut´, die sie erbaut,
vor vielen, vielen Jahren,
wollten sich schützen, vor Krieg und Raub,
weil´s friedliche Leute waren.
Als sie kamen hergezogen,
ins schöne Sachsenland,
da war´n sie ganz schön aufgeflogen,
sie sah´n nur Wald, bis an den Rand!
Und im wilden Vorerzgebirg´,
gab´s auch hier und da ´nen Berg!
Auf einem Fels, der günstig stand,
entstand eine Burg, sie wurd´ „Rabenstein“ genannt.
Ein echtes Mittelalter-Meisterstück,
vom Turm aus hatte man die Feinde im Blick.
Dicke Mauern konnte keiner durchdringen,
ein Wassergraben sollte Sicherheit bringen.
Mit einer Ringmauer ausgestattet,
war frühzeitig manch´ Feind ermattet.
Von Gelehrten wird sie „Höhenburg“ genannt.
Ist doch ganz klar, Prinzip erkannt:
Dort oben wirkt sie, wie ´ne Festung,
den Raubrittern nützte kaum ihre Rüstung.
Die Abwehr aus der Höhe ist viel leichter –
das spürt der Feind und schließlich weicht er.
Auch war die Burg, zur alten Zeit,
viel größer noch, als heute.
Sie hatte eine Unterburg und verschiedene Gebäude.
Ob Torhaus oder Schäferei,
viel Praktisches war mit dabei.
Nur wenig ist vom Altbestand
erhalten noch geblieben.
Doch tu ich die Burg Rabenstein,
so wie sie ist, auch lieben.
Arme Bauern
Auch die Bauern legten sich ins Zeug,
rodeten, dass die Äxte glühten.
Es war damals ´ne schwere Zeit,
die Menschen sich plagten und sich mühten.
Sie bauten Gehöfte, machten urbar die Wiesen
und weideten ihr hungrig´ Vieh.
Die Erträge konnten sie oft nicht genießen.
Ja, Reichtum hatten die Bauern nie.
Manch Diebesbande, schlecht´ Gesindel,
versteckte sich im Rabensteiner Wald,
sie stahlen, raubten, machten schlechte Händel
und entdeckten die Ernte der Bauern bald.
Das gab ein Geschrei und Gezeter,
sie metzelten alles nieder!
Da erschien der Ritter vom Rabenstein*,
mit Pferden und Gefolge,
vom Turm, da winkte ein Burgfräulein,
die Kunigunde-Isolde*.
Im Namen von Kaiser und Grafen,
wurden die Diebe gestellt, bekamen hohe Strafen.
Die Bauern mussten geben für den Schutz,
einen Teil ihrer kargen Ernte.
Sie selber lebten in Armut und Schmutz,
und keins ihrer Kinder was lernte.
Die Waldenburger
Die Herrschaft wechselte sehr bald,
der Kaiser hatt´ nun das Sagen.
Als „Lehen“ Rabenstein nun galt,
es wurde übertragen
an die Herrn von Waldenburg,
sie sollten alles verwalten.
Für Bauern, Gesinde und Handwerksleut´,
blieb ziemlich alles beim Alten.
Die neue Herrschaft, die konnte jedoch
nicht frei, für sich entscheiden.
Sie mussten jedes Vorkommnis
an den Kaiser weiterleiten.
Und so war klar –
letztlich nur Kaiserwille geschah.
Dennoch dienten die Waldenburger redlich,
noch mehrere Generationen.
Doch dann fiel plötzlich der Kirche ein:
„Für uns würd´ Rabenstein sich lohnen!“
Das Volk müsste Abgaben, Frondienste leisten
und würde dennoch den Himmel preisen!
Ränke und Fehden
Das Geschäft, es zahlte sich aus.
Das Kloster in Chemnitz kaufte alles:
Burg und Wald, Dörfer, Ländereien -
also alles im Komplettpaket,
bis auf die kleinste Burgverlies-Maus.
Doch dieser Kauf war nicht ganz perfekt.
Ein anderer Käufer fühlte sich erschreckt
und letztlich auch betrogen.
Der Sage nach, ist er in dunkler Nacht
nach Rabenstein gezogen.
* Namen frei erfunden, da für diese Zeit leider keine genaueren historischen Aufzeichnungen vorhanden sind
Gedicht von Heike Henning
https://www.e-stories.de/gedichte-lesen.phtml?230177